Gedanken einer JOBKUPPLERIN

zum TAG DER ARBEIT 

Schon mal was von Schopper, Eichmeister, Köhler oder Posamentierer gehört? Nein? Machen Sie sich nichts draus, meine Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen wussten es auch nicht.

So wie die meisten von uns nicht erraten, dass es sich dabei um Berufe handelt, so waren vor einiger Zeit auch Jobs wie Cloud Engineer, Cyber Security Officer oder Virtual Reality Experience Designer unvorstellbar. Begriffe wie Homeoffice, Distance Learning, Job Crafting, Holokratie und agile Arbeitswelten klangen einst befremdlich und haben sich mittlerweile auch in unseren Alltag eingeschlichen.

Der Lauf der Geschichte zeigt, dass die Arbeitswelt einem ständigen Wandel unterliegt. Jede Phase der Industrialisierung führte dazu, dass Jobs verschwinden und neue Berufe entstehen. In den letzten beiden Jahrzehnten schreitet diese Veränderung mit erhöhtem Tempo voran und die Corona-Krise führt zu einer zusätzlichen Beschleunigung.

Dass viele Menschen sich überfordert, überrollt und hilflos fühlen, ist nur allzu verständlich. Die Arbeitslosenzahlen sind in Österreich gewaltig hoch und trotzdem nimmt der Fachkräftemangel nicht ab. Unternehmen, die aufgrund der Krise Mitarbeiter*innen kündigen oder in Kurzarbeit schicken, stoßen auf Unverständnis, wenn sie auf der anderen Seite neue Mitarbeiter*innen einstellen. Warum es trotzdem notwendig ist, liegt daran, dass sich aufgrund der Corona-Krise Arbeitsplätze in kurzer Zeit drastisch verändern. Parallel dazu tragen auch die Automatisierung und die Digitalisierung zum Schwund mancher Berufe bei.

76% der österreichischen Unternehmen finden aktuell schwer Fachkräfte. Händeringend wird nach ihnen gesucht. Und ich befürchte, dass sich daran nichts ändern wird – ganz im Gegenteil. Der Fachkräftemangel wird in den nächsten 10 Jahren weiterhin dramatisch steigen. Nicht nur, dass immer mehr Schlüsselkräfte, ob in der Technik- oder Gesundheitsbranche, gebraucht werden, sondern auch eine massive Pensionierungswelle rollt auf uns zu – denn die Babyboomer verabschieden sich bald in ihren wohlverdienten Ruhestand. 

Als Jobkupplerin habe ich mir zwei Fragen gestellt, wie kann man dem Fachkräftemangel entgegenwirken und was kann getan werden, damit beide Seiten – Bewerber*innen und Unternehmen – aktiv mitwirken und profitieren können? Folgende Ansätze möchte ich ihnen ans Herz legen:

Maßgenschneiderte Empfehlungen und Weiterbildungen

Es wäre ein Leichtes zu denken, man brauche Mitarbeiter*innen nur weiterbilden. Die Komplexität der neuen Jobs lässt eine Umbildung in kurzer Zeit bloß nicht zu. Mit einem vier bis fünf Wochen Kurs ist es leider nicht mehr getan. Was tun, wenn man zum Beispiel die Altersgrenze von 50 bereits geknackt hat und Unternehmen einen eh schon nicht wollen? Dann noch ein paar Jahre mit Weiterbildung vergeuden, für ungewisse Jobaussichten? Junge Menschen stellen sich hingegen die Frage, mit welcher Ausbildung sie starten sollen, wenn sich ihr Job ohnehin rasch wieder ändern kann. Wer soll bei all den Weiterentwicklungsangeboten und möglichen Szenarien noch den Überblick behalten? Wie kann man sicher sein, die richtige Wahl zu treffen? 

Ich empfehle Bewerber*innen ab sofort immer zwei weitere Fragen im Gepäck zu haben, sollte es in einem Bewerbungsgespräch eher auf ein Nein hinauslaufen – sie haben nichts mehr zu verlieren, also sollten sie das Gespräch für ihre Zukunft nutzen. Erstens, wo sehen Sie mich noch, in welcher Branche, in welchem Unternehmen? Zweitens, welche Aus- oder Weiterbildung bräuchte ich, um bei Ihnen starten zu können? Personaler*innen oder Abteilungsleiter*innen sollten sich ein Herz fassen und diese Fragen ehrlich beantworten, denn nur so würden Arbeitssuchende und Weiterbildungsinstitute von jenen Ausbildungen erfahren, die die/der individuelle Jobhungrige für seine erfolgreiche maßgeschneiderte Zukunft braucht. Als Karrierecoach und Initiatorin der Langen Nacht der Bewerbung weiß ich wie sehr Bewerber*innen solche hilfreichen Antworten schätzen und es mit positiver Mundpropaganda belohnen. Ein Pluspunkt für das Employer Branding, das sollte sich eigentlich kein Unternehmen entgehen lassen.

Kollektive Intelligenz im Recruiting nutzen

Man sagt, in jeder Krise steckt eine Chance, also sollten wir sie auch nutzen. Was wäre, wenn wir aktiv auf kollektive Intelligenz bauen würden und Bewerber*innen sowie Mitarbeiter*innen einladen, ihre Gedanken und Ideen einzubringen? Denn Expert*innen gibt es gerade keine – denn das, was wir gerade erleben, kennen wir ja so noch nicht!

Beginnen wir doch Fragen zu stellen, zum Beispiel im Bewerbungsgespräch. Nicht nur jenen, denen wir es zutrauen, sondern allen. Verabschieden wir uns doch endlich von dem Gedanken zu glauben, zu wissen, wer hier mitreden kann. Ein Spruch, den ich so sehr schätze, angelehnt an Goethe, gilt jetzt mehr denn je: Wenn du in jemanden siehst, was er ist, dann machst du ihn kleiner. Wenn du aber siehst, wer er sein kann, bekommst du nur alles.“

Recruiter*innen könnten alle Bewerber*innen fragen: Als externe Person, was glauben Sie, übersehen wir eventuell durch Betriebsblindheit? Was braucht unsere Branche, um wieder wachsen zu können? Oder: Wenn Sie es in der Hand hätten, was würden sie sofort in ihrem Fachbereich ändern, damit Ihr Job in Zukunft – also in den nächsten drei bis fünf Jahren – erfolgreich bestehen kann? Mit solchen Fragen können wir gemeinsam mehr Ideen generieren und Bewerber*innen zeigen, dass wir ihnen mehr zutrauen und die Macht der kollektiven Intelligenz nutzen. Das ist jedoch nur möglich, wenn wir alle zum Denken auffordern und Meinungen zulassen. Klar werden nicht alle Ideen brauchbar sein, aber die Chancen, dass etwas dabei ist, steigen. Würden wir nur eine nützliche Antwort erhalten, die eine Wende einleiten kann, wäre es dann die Zeit nicht wert, jeden etwas einbringen zu lassen? Ich glaube an das Wissen der Masse und dass wir im Bewerbungsprozess nicht nur die fachlichen Kompetenzen und ob jemand ins Team passt, klären sollten, sondern dass wir unternehmerisches und lösungsorientiertes Denken fördern sollten. Ich denke, das ist unsere Pflicht als Unternehmen für eine gemeinsame erfolgreiche Wirtschaft.

Edison, der „Erfinder“ der Glühlampe, soll gesagt haben: „Ich bin ein guter Schwamm, ich sauge Ideen auf und mache sie nutzbar (…).“ Aber Unternehmen sollten nicht nur die Hände ausstrecken und nehmen, sondern sich auch für gute Ideen bedanken – mit einem Job oder einer anderen Anerkennung. Das wäre mal was – gelebte Wertschätzung auf hoher Ebene und ein zukunftsorientiertes, gemeinschaftliches Gestalten.  Zusätzlich kommt man hier dem Wunsch „des Mitgestaltens“ der Generation Z und Alpha nach. 

Zuerst Reden statt Abblocken

Der Fachkräftemangel steht auch vor dem Problem des regionalen Ungleichgewichtes. Hier habe ich einen Wunsch an die Bewerber*innen, sich nicht nur bei Unternehmen bewerben zu wollen, die im unmittelbaren Wohnumfeld logieren. Das ist in meinen Augen unglaublich engstirnig und verhindert Chancen. Natürlich darf es eine Gewichtung bekommen, aber nicht die Höchste. Jeder darf Jobwünsche haben – natürlich – aber wenn ich meine Chancen am Arbeitsmarkt erhöhen möchte, das heißt, wenn ich einen Job wirklich will, dann darf der Ort nicht meine oberste Priorität sein. Zuerst gilt es herauszufinden, für wen man arbeiten will. Und das geht nicht nur über das Betrachten der Website oder in dem ich über Firmen nachdenke, die ich kenne. Es gibt so viele Unternehmen, von denen man noch nichts gehört oder gelesen hat. Also deshalb besser, überall bewerben, dann miteinander reden und herausfinden, wie es trotz Entfernung funktionieren kann. Ich muss ja nicht gleich von der Weltstadt nach Hintertupfing ziehen – aber nur, wenn ich Chancen wahrnehme, kann ich Möglichkeiten abwägen. Oft ergeben sich durch ein Gespräch neue Ideen und Lösungen für eine Arbeitsstelle. Wie heißt der Spruch von Willy Meurer so schön: „Wer etwas wirklich will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.“

Zuzugsmanagement ist in aller Munde und auch immer mehr Unternehmen bieten unterschiedliche individuelle Arbeitsweisen an. Nur so entkommen wir einem West-Ost Gefälle von Arbeitskräften in Österreich. Als ich Geschäftsführerin in einem Tourismusregionalverband wurde, stand im Job-Inserat ein Arbeitsort. Die Tätigkeit juckte mich, sie schien interessant. Aber die Landkarte, die mir klarmachte, dass dieser im Nirgendwo lag – irgendwo zwischen den Bergen, was bedeutet, jede Woche im Winter Schneeketten anlegen – machte das Ganze nicht wirklich anziehend. Ich habe mein Bestes gegeben, mir diesen Arbeitsort schönzureden. Trotzdem ist bei mir nicht der Wunsch entstanden, dort mein Leben zu verbringen. Allerdings habe ich bereits damals schon die Meinung vertreten, zuerst reden, dann entscheiden. Das Gespräch war großartig und sie haben mir einen Zweitwohnsitz angeboten und viele Freiheiten. Das stand nicht im Jobinserat, es hat sich aus einem – eigentlich drei – guten Gesprächen ergeben. Ein toller Job mit viel Entwicklungspotenzial, den ich nie missen möchte. Keiner sollte sich in diesen Zeiten auch nur irgendeine Chance entgehen lassen.

Die Krise, in der wir uns gemeinsam befinden, erfordert auch einen gemeinsamen Lösungsansatz. Wenn wir im Bewerbungsprozess ein Miteinander zulassen, wird mehr möglich, als wir zurzeit erahnen. Nur ein gemeinschaftliches Gestalten wird uns jene Arbeits-Zukunft ermöglichen, in der wir uns wohlfühlen und wachsen können.

Doria Pfob – Jobkupplerin und Gründerin der Langen Nacht der Bewerbung